Selbstzensur? Diese Schlagzeilen wurden nie gedruckt


Unterschlagene Schlagzeilen: Diese Nachrichten haben Chefredakteure nie gedruckt

Journalisten haben viele Rechte, aber auch Pflichten. Ihre Arbeit kennt Grenzen: juristische, ethische, moralische. Hier zeigen Chefredakteure die Schlagzeilen, die sie nie gedruckt haben – und verraten warum.
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    Ex-BILD-Chef Udo Röbel und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Udo Röbel, BILD-Chef von 1998 - 2001: „Ende der 90er-Jahre wühlten zwei Kindermorde im Landkreis Cloppenburg die ganze Nation auf: Am 11. Juni 1996 wurde die 13-jährige Ulrike Everts ermordet, zwei Jahre später die elfjährige Christina Nytsch. Die Volksseele kochte. An den Stammtischen wurde der Ruf nach der Todesstrafe immer lauter. Demoskopen schätzten hinter vorgehaltener Hand, dass mindestens 70 Prozent der Deutschen der gleichen Meinung sind. In dieser Situation wäre es ein Leichtes gewesen, Volkes Stimme auch Gehör mit der BILD-Schlagzeile ,Todesstrafe für Kindermörder‘ zu verschaffen. Ich habe auf die Schlagzeile verzichtet, auf den Beifall, der ihr gewiss gewesen wäre. Denn es gibt auch eine innere Pressefreiheit. Und die endet dort, wo man Geister ruft, die man nicht mehr los wird.”
    Foto: privat / Christian Smollich
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    Wolfgang Kaden und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Wolfgang Kaden, Spiegel-Chefredakteur von 1991 - 1994: „Wir hatten Informationen über einen landesweit bekannten Bischof, der ein Verhältnis zu einer Frau pflegte. Wir überlegten hin und her und entschieden uns dann, eine Schlagzeile wie etwa ,Der Bischof und seine Freundin‘ nicht zu bringen, da wir dem Mann sein Privatleben gönnten. Ebenso sind wir mit dem Privatleben von Politikern umgegangen, haben aus Rücksicht nicht über Affären und ähnliches geschrieben.”
    Foto: ddp images / Paul Bieri
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    Der Chef des Kölner Stadtanzeigers Peters Pauls und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Peter Pauls, Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers: „Wir erfuhren, dass der Träger eines Spitzenamtes ein Alkoholproblem hat. Wir diskutierten, ob und in welcher Form wir damit an die Öffentlichkeit gehen sollten. Doch dann zog der Betreffende selber seine Konsequenzen und legte sein Amt nieder. Auch im Nachhinein berichteten wir nicht über die Krankheit und druckten keine Schlagzeile wie ,Alkoholismus im Spitzenamt‘ – aus moralischen Gründen. Ich denke, in der heutigen, Internet-getriebenen Medienlandschaft ist die Gefahr groß, eher zu viel zu schreiben. Daher finde ich es vor allem als Chefredakteur wichtig, Nachrichten und Geschichten genau zu reflektieren.”
    Foto: Stefan Worring / Paul Bieri
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    Beate Wedekind und die Schlagzeile, die sie nie druckte
    Beate Wedekind, Bunte-Chefredakteurin von 1992 - 1993: „Wir bekamen ein Paparazzi-Foto von Prinzessin Caroline von Monaco mit ihrem damaligen Freund und ihren Kindern auf den Tisch. Davon waren wir so hingerissen, dass wir im Übereifer folgende Schlagzeile texteten ,Caroline. Ich habe wieder eine Familie‘. Uns kam das damals harmlos vor, so positiv in der Aussage! Schlagzeile und Foto erschienen so am 21. Mai 1992 auf der Titelseite von Bunte. Der Fall war unter anderem der Auslöser für die Klagewelle von Caroline. Aus diesem Fall habe ich gelernt: ,Caroline. Sie hat eine neue Familie‘ – das wäre die richtige Zeile gewesen! Und genauso interessant.”
    Foto: ddp images / Paul Bieri
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    Ex-stern-Chef Michael Jürgs und die Sclagzeile, die er nie druckte
    Michael Jürgs, stern-Chefredakteur 1992 - 1994: „Eine sich aufdrängende Schlagzeile war zum Beispiel ,Die letzten Momente der Geisel Silke Bischoff‘. Eine solche hätte, machen wir uns nichts vor, am Kiosk einen großen Erfolg gezeigt. Doch: Gewaltverherrlichung, auch unter dem Mäntelchen verborgen, man wolle ja nur zeigen, wie schlimm es auf der Welt zugeht, ist eine obszöne Handlung. Deshalb erschien diese Schlagzeile bei uns nicht.”
    Foto: ddp images / Paul Bieri
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    Peter Huth und die Schlagzeile, die er in der B.Z. nie druckte
    Peter Huth, B.Z.-Chefredakteur: „Eine Zeile, die wir bei der B.Z. nicht drucken konnten, war die Überschrift ,Friedman interviewt Sarrazin zum Juden-Gen‘ nach den befremdlichen Äußerungen des ehemaligen Finanzsenators. Das Interview wurde von Michel Friedman in gewohnter Härte geführt, aber Sarrazins Verlag verweigerte kurz vor Andruck die Autorisierung des Gespräches. Das passiert leider häufig: Künstler, Sportler erzählen in einem Interview etwas und die sie umgebende Entourage aus Verlagen, Managern, Rechtsanwälten streicht ganze Sätze, Passagen – oder wie in diesem Fall – das ganze Gespräch.”
    Foto: Anja Bleyl / Paul Bieri
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    Hans-Werner Kilz und die Schlagzeile, die nie druckte
    Hans-Werner Kilz, Spiegel-Chefredakteur von 1990 - 1995: „Es war kurz nachdem wir die Flick- und Parteispendenaffäre aufgedeckt hatten. Am Ende stand die spannende Frage, wer von den Politikern wegen Bestechlichkeit angeklagt wird. Unsere Information war, dass auch der amtierende Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff darunter sein soll. Der Spiegel-Layouter entwarf das Titelbild mit der fetten Zeile ,Er wird angeklagt‘. Doch dann machten die Bonner Spiegel-Korrespondenten die Chefredaktion verrückt mit der Nachricht, Lambsdorff werde nicht angeklagt. So änderten wir nur die Schlagzeile zu ,Es wird angeklagt‘. Am Ende kam Lambsdorff vor Gericht und wir hätten die erste Zeile ,Er wird angeklagt‘ beibehalten können.”
    Foto: ddp images / Paul Bieri
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    BILD-Chefredakteur Kai Diekmann und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Kai Diekmann, BILD-Chefredakteur: „Als die Finanzkrise im Herbst 2008 auf ihren Höhepunkt zusteuerte, gab es Meldungen über angebliche Engpässe bei der Bargeldauszahlung an Geldautomaten. Offensichtlich begannen die Deutschen, in hohem Maße Bargeld abzuheben. Die Finanzkrise wurde für Banken und selbst für den Staat zur Bedrohung. Was wir allerdings nicht gemacht haben ist eine Schlagzeile wie ,Das Bargeld wird knapp!‘ Falsch wäre das nicht gewesen. Doch hätten wir alles, was wir wussten in Schlagzeilen verpackt, wäre das deutsche Bankensystem vermutlich zusammengebrochen und das Bargeld tatsächlich knapp geworden. Dafür sind wir später mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet worden: Für unsere Zurückhaltung bei der Berichterstattung über die Finanzkrise.”
    Foto: Frank Zauritz / Christian Smollich
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    Thomas Schmid und die Zeile, die er nie druckte
    Thomas Schmid, Welt-Chefredakteur von 2006 - 2009: „Am 30. Dezember 2006 wurde in Bagdad Saddam Hussein hingerichtet. Es war mir natürlich klar, dass solch eine Szene die Öffentlichkeit ungeheuer interessieren würde. Es spielen da Neugier, Sensationslust und das erregende Gefühl eine Rolle, ganz nah an einer existenziellen Erfahrung zu sein. Ich ordnete an, dass wir keines der Fotos der Hinrichtung – etwa mit der Überschrift ,Hier stirbt ein Diktator‘ – veröffentlichen. Der Tod eines Menschen ist ein ganz und gar individueller, intimer Vorgang. Man sollte ihn vor den öffentlichen Blicken schützen. Auch ein Mensch, der ein Verbrecher war, hat ein Recht auf den Schutz dieser Intimität.”
    Foto: Anja Bleyl / Ronny Wahliss
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    Christoph Kesse und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Christoph Keese, Chefredakteur Financial Times Deutschland 2000 - 2004: „Zur Ersterscheinung der Financial Times am 21. Februar 2000 hatten wir Kanzler Gerhard Schröder für ein Interview gewonnen. Der hatte uns eine harte Nachricht verschafft: ,Schröder schlägt neues Modell für Atomausstieg vor‘. Doch wir wollten noch mehr. Da kam ein Interview mit dem Siemens-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger genau recht. Er äußerte leise Zweifel an der strategischen Ausrichtung des Konzerns. Wir spitzten die Überschrift immer weiter zu, bis die Schlagzeile stand: ,Siemens plant radikalen Umbau mit Konzentration auf zwei Sparten‘. Damit legten wir einen fulminanten Fehlstart hin. Es kam sofort ein Dementi von Siemens, Spott und Häme ergossen sich über uns. Wir lernten: Wenn man einen Kanzler im Interview hat und der etwas richtig Neues sagt, dann macht man ihn auch als Schlagzeile auf!”
    Foto: privat / Paul Bieri
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    Arno Makowsy und die Schlagzeile, die er nie druckte
    Arno Makowsky, Chefredakteur Abendzeitung: „Als Edmund Stoiber als bayerischer Ministerpräsident zurücktrat, wollten wir eigentlich diese Schlagzeile drucken: ,Stoiber tritt ab – eine ÄHra geht zu Ende‘. Wir haben es damals wohl als zu frech empfunden, vielleicht kam aber auch etwas Aktuelles dazwischen. Heute muss ich sagen: Schade, dass wir es nicht gemacht haben.”
    Foto: ddp / Paul Bieri


Nina Stampflmeier

Von Nina Stampflmeier

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