Christian Lindner im Presse- freiheits- Interview


"...da bin ich zugeknöpft"

Christian Lindner ist technologiepolitischer Sprecher der FDP im Bundestag. Im Pressefreiheits-Interview mit 20zwoelf erklärt er, was er von der Berichterstattung über Christian Wulff hält, weshalb er sein Privatleben von den Medien abschottet und warum er nach seinem Rücktritt als Generalsekretär der FDP geschwiegen hat.



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Herr Lindner, kommt es vor, dass sie Journalisten anrufen, die kritische Berichte über Sie schreiben?

Christian Lindner: Ja, um ihm gegebenenfalls noch einen zusätzlichen Hintergrund zu vermitteln oder um ihn darauf hinzuweisen, dass vielleicht Fakten nicht richtig dargestellt sind. Das kommt vor. Ich finde aber, das kann man auch in einem kollegialem Ton machen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Einfluss genommen wird, indem zum Beispiel Vorgesetzte oder der Herausgeber angerufen werden.

Wie gehen Sie mit kritischen Berichten um?

Lindner: Das nehme ich auf. Vielleicht ist auch ein wahrer Kern dran. Dann ist es Anlass, auch über Positionen nachzudenken. Und es gibt auch einfach die Kritik, mit der man umgehen muss, wenn man ein öffentliches Amt hat. Man wird unterschiedlich wahrgenommen, nicht nur von den Bürgern, sondern auch von Journalisten. Das gehört einfach zum Job dazu. Wer das nicht mag oder kann, der muss sich einen anderen Beruf suchen.

Zur Person

Christian Lindner ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Von Dezember 2009 bis Dezember 2011 war er Generalsekretär der FDP. Seit 2012 ist Lindner technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Der 33-Jährige trat 1995 in die FDP ein, und war von 2000 bis 2009 Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags.
Was meinen Sie, welche Schlüsse ziehen Politiker aus der Causa Wulff?

Lindner: Ich kann nur von mir urteilen. Ich habe bislang immer wenig Anteil an meinem persönlichen Leben gelassen und den Bereich genau abgesteckt. Insofern muss ich für mich daraus jetzt keine Schlüsse ziehen. Und es ist eigentlich eine Frage des guten Benehmens, Leute am Telefon nicht anzubrüllen. Erst recht nicht auf einer Mailbox.


War die Berichterstattung über Christian Wulff angemessen?

Lindner: Insgesamt würde ich sagen: ja. Er selbst hat immer neuen Anlass dafür gegeben, dass es immer neue Wellen der Berichterstattung gegeben hat. Genau das ist ja das gefährliche an solchen Krisen.

Dürfen Politiker Ihrer Meinung nach das Privatleben zur Schau stellen, ohne später kritische Fragen darüber beantworten zu wollen?

Lindner: Wenn man die Türen nach Hause öffnet, dann gibt es eben nicht nur die positiven Bilder. Wenn es nicht gut läuft, dann wird eben auch drüber berichtet. Wer die Tür immer verschlossen hält, der hat einen anderen Schutz als jemand, der die Presse fortwährend einlädt, wenn Weihnachtsplätzchen gebacken werden. Deshalb bleibt sie zum Beispiel bei mir im Privatleben draußen. Wie ich mein Weihnachtsfest verbringe, oder wohin ich in Urlaub fahre - da bin ich zugeknöpft.

"Man muss nicht alles sagen"


Was denken Sie über die Pressefreiheit in Deutschland?

Lindner: Sie sollte stärker benutzt werden. Man kann das gut an Leitartikeln sehen. Ein bestimmter Sachverhalt wird am ersten Tag nach einem Ereignis mit einer relativen Streuung medial bewertet. Am zweiten und dritten Tag danach schränkt sich das Meinungsbild auch im Journalismus stark ein. Der Kommunikationswissenschaften Matthias Keplinger beschreibt das als eine Art Selbstzensur. Das finde ich schade, da möchte ich auch die Journalisten zu mehr Meinungsvielfalt ermuntern.

Pressefreiheit bedeutet auch, Journalisten umfassend zu informieren. Warum haben Sie bei Ihrer Rücktrittserklärung im Dezember 2011 keine Fragen zugelassen?

Lindner: Weil ich mich abschließend zu dem Thema erklärt habe. Alles weitere war dann Gegenstand persönlicher Gespräche, die ich vorher oder danach geführt habe. Die Öffentlichkeit hat ja ein Recht auf Unterrichtung, aber man muss nicht alles sagen. Hätte ich zum Beispiel Fragen beantwortet, dann wären nicht der vorbereitete Text Gegenstand der Berichterstattung gewesen, sondern irgendeine ungelenke Antworte auf irgendeine spitzfindige Frage. Dann bekommt das einen ganz anderen Dreh. Journalisten haben das Recht zu fragen, aber man muss nicht in jeder Situation für eine Frage zur Verfügung stehen. Viele Probleme entstehen ja gerade dadurch, dass man nicht den Mund hält.

Christian Lindner, Mitglied des Deutschen Bundestags
Foto: Jens-Hendrik Kuiper


Können Sie verstehen, dass Journalisten misstrauisch werden, wenn sie keine Fragen stellen dürfen?

Lindner: Natürlich ist es das gute Recht zu forschen und Gespräche zu führen. Nur, es muss ja nicht jeder dafür zur Verfügung stehen. Ich in meinem Fall stand und stehe dafür nicht zur Verfügung und habe mich abschließend in meiner Erklärung dazu geäußert und möchte die Diskussion darüber nicht durch neue Stellungnahmen und Erklärungen auch verlängern. Das ist mein gutes Recht. Es gibt das Recht der Journalisten zu fragen - und das Recht auch über bestimmte Sachverhalte zu schweigen oder zumindest Fragen nicht zuzulassen.

Weil Sie Angst haben?

Lindner: Nein, aber man muss wissen, dass es in bestimmten Situationen eine Eigendynamik geben kann. Man muss als Politiker sehr genau aufpassen, zu welchem Thema man sich wie positioniert und zu welchem Zeitpunkt man auch sagt: Hier muss ich mich als Politiker klarer erklären, weil ich sonst vielleicht Spielraum für Missverständnisse geboten habe.

Wie oft sprechen Sie mit Journalisten?

Lindner: Als ich Generalsekretär war, habe ich stündlich mit Journalisten telefoniert. Ich hatte in jeder Woche zwei Hintergrundrunden. Ich mag diese Hintergrundrunden, wie sie in Berlin üblich sind, allerdings nicht. Meist sitzen dort 30 bis 100 Journalisten und ein Politiker zusammen. Ich hatte kleinere Runden, in denen man tatsächlich ein Gespräch führen konnte.

Wie viel Arbeit als Generalsekretär ist Medienarbeit?

Lindner: 30 Prozent. Vielleicht sogar mehr.

Ist ein Auftritt in einer Talkshow wichtiger als so manche Sitzung?

Lindner: Talksendungen haben sicherlich eine große Bedeutung. Ein Beispiel: Ich habe vergangenes Jahr mit sehr viel Mühe für die FAZ eine Kontur des Liberalismus in der Gegenwart verfasst. Das hat mich bestimmt zwei Wochenenden Arbeit gekostet. Daraufhin habe ich zehn Leserbriefe bekommen. Zum Vergleich: Ein Auftritt in den Talksendungen, und es gibt 250 E-Mails. Die Durchschlagskraft ist hier einfach anders. Vielleicht ist es für den Zuschauer auch süffiger aufzunehmen als ein langer Text. Trotzdem würde ich nie auf den langen Text verzichten.

"...oder ob das nicht einfach nur ätzend ist."


Gibt es so etwas wie ein Vertrauensverhältnis zwischen Politikern und Journalisten?

Lindner: Ich habe von Wolfgang Clement gelernt: Es gibt nicht „unter drei“. Dementsprechend habe ich Journalisten, denen ich Vertrauern entgegen bringe. Man muss aber immer wissen: Es gilt das Prinzip der stillen Post. Ganz einfach deshalb, weil auch Journalisten nur Menschen sind. Die schreiben es dann nicht, aber sagen es vielleicht einem anderen Journalisten und der sagt es wieder weiter und der Dritte sagt es dann einem Politiker. Ich halte über bestimmte Dinge deshalb generell einfach den Mund.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Guido Westerwelle und den Medien?

Lindner: Um ehrlich zu sein, bestimmte Journalisten selbst schreiben ja, dass es bei ihnen eine Übertreibung gegeben hat. Dazu kommt: Es gibt im Umfeld des Journalismus einige eklige Dinge. Es gibt ein bis zwei Bücher von selbsternannten B-Klasse Comedians über Westerwelle, die ich einfach nur geschmacklos finde. Die sind von der Kunstfreiheit natürlich gedeckt, aber die müssen sich wirklich fragen, ob sie noch einen vernünftigen, respektvollen Umgang mit politisch Andersdenkenden pflegen, oder ob das nicht einfach nur ätzend ist.

Wie haben sie jenen Sonntag erlebt, als Joachim Gauck als Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten vorgeschlagen wurde?


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Lindner: Ich habe das am Fernsehen und im Internet verfolgt und viele SMS bekommen. Witzigerweise aus unterschiedlichen Kreisen. Aus der FDP, von unserem geschätzten Koalitionspartner und von Journalisten. Ich hab nur die von der FDP beantwortet, weil es für mich kein Thema war mitzuspekulieren. Und ich habe mich gefreut, weil Herr Gauck jetzt der richtige Mann ist.


Man konnte im Anschluss sehr viele Details über Vorgänge, etwa im Kanzleramt, nachlesen. Was bleibt überhaupt noch vor der Öffentlichkeit verborgen?

Lindner: Es kommt auf das Gremium an. Es gibt Runden und Gremien da weiß man, dass sie quasi öffentlich sind. Ich finde, das ist kein guter Zug, weil es dann keinen Raum der Reflexion gibt. Alles bekommt sofort einen verfestigten Charakter. In Runden, wo sofort alles nach draußen geht, werden die Dinge sofort bewertet und machttaktisch eingeschätzt. Und das hat ja sofort eine Rückwirkung auf die Verhandlungssituation und die Diskussionsführung selbst. Zum Teil passiert es, dass in Echtzeit aus der Sitzung heraus eine Ticker Meldung über die Sitzung kommt. Das finde ich ist eine Verluderung der Sitten, die zu einer Überbeschleunigung führt.

Schließen Sie eine Rückkehr an die FDP-Parteispitze aus?

Lindner: Das ist jetzt nicht mein Thema. Auf unabsehbare Zeit freue ich mich auf die Arbeit in der Region. Wenn meine Freunde meinen, dass sie mich brauchen, schließe ich das an irgendeiner Stelle in einer erweiterten Führung nicht aus. Aber jetzt bin ich erstmal nicht Mitglied des Generalstabs. Ich hab mich selber in die Truppe zurückversetzt und da will ich jetzt erstmal arbeiten.

Filme: Julien Wilkens (Twitter: @wk_wilkens)
Interview: Andreas Rickmann (Twitter: @wk_rickmann)
Fotos: Jens-Hendrik Kuiper (Twitter: @wk_kuiper)
 Andreas Rickmann

Von Andreas Rickmann

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