Marcus Hellwig

Das erste Interview mit Iran-Reporter Marcus Hellwig


„Wann geht die Zellentür auf, wo geht es dann hin?”

Folter, Tageslichtentzug, Angst. Der BILD am Sonntag-Reporter Marcus Hellwig und der Fotograf Jens Koch saßen 132 Tage im Iran im Gefängnis. Zwei Monate, bevor sein Buch erscheint – exklusiv auf 20zwoelf: Das erste Interview mit Marcus Hellwig seit seiner Freilassung.

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    Marcus Hellwig
    Marcus Hellwig Im Interview mit Felicitas Then von 20zwoelf. Der 46-Jährige spricht das erste Mal über die Bedeutung von Pressefreihet, seine Inhaftierung im Iran und die Zeit danach
    Foto: Anja Bleyl

20zwoelf: Sie haben für die Berichterstattung Ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Was bedeutet Pressefreiheit für Sie?
Marcus Hellwig: Sie ist eine Säule der Demokratie. In unserem Land ist die Pressefreiheit garantiert. Sie ist in Deutschland so selbstverständlich, dass uns im Alltag oft nicht bewusst ist, welch hohes Gut die Pressefreiheit darstellt. Aber ohne sie gibt es keine Demokratie. Deswegen müssen wir uns für Pressefreiheit einsetzen!

Was ist Ihnen als Journalist dabei besonders wichtig?
Dass man ergebnisoffen recherchieren kann. In vielen Staaten werden Menschen immer noch eingesperrt oder sogar ermordet, nur weil sie das System hinterfragen oder unangenehme Wahrheiten aussprechen.



Auf Grund Ihrer Recherche im Iran wurden Sie mehr als vier Monate eingesperrt. Können Sie Ihre Gefühle während der Inhaftierung beschreiben?
Am meisten quälten mich die Angst und die Ungewissheit. Die ersten zehn Tage dachte ich, dass ich da vielleicht nie wieder rauskomme. Und dann diese Fragen, die immer wieder auftauchen. Was passiert als nächstes, wann geht die Zellentür auf, wo geht es dann hin, was machen die mit dir...

Am Anfang waren Sie nicht mal mit Ihrem Fotografen Jens Koch zusammen in einer Zelle. Erst am 65. Tag haben Sie Ihren Kollegen wieder gesehen.
Wir sind uns in den ersten Monaten im Knast nur mal kurz im Duschbereich begegnet, konnten uns dort kurz zuwinken. Außerdem haben wir uns bei den Besuchen der Botschaftsmitarbeiter und unserer Familienangehörigen gesehen. Ich war sehr froh, als wir dann später zusammen in einer Zelle waren. In den Momenten der Angst hat es geholfen, zu zweit zu sein.

Wie ist Ihr Verhältnis jetzt?
Die Zeit im Iran hat uns sehr eng verbunden.
Foto: Jens Koch

Jens Koch

Hier zeigt der freiberufliche Fotograf das erste Bild, das er nach seiner Freilassung aufgenommen hat. Es ist in seiner Wohnung in Berlin entstanden. Jens Koch (30) über sein Foto: "Nichts Besonderes, aber authentisch."



Sakineh Mohammadi Ashtiani
Sakineh Mohammadi Ashtiani Ihre Verurteilung erregte weltweit Aufsehen. Die iranische Justiz ist immer noch bestrebt, sie hinzurichten
Foto: ddp images
Was war Ihre Motivation, sich mit dem Fall der verurteilten Sakineh Mohammadi Ashtiani zu beschäftigen?
Mich hat die Tatsache, dass diese Frau nur wegen eines angeblichen Ehebruchs gesteinigt werden sollte, zutiefst schockiert. Die Steinigung ist die wohl grausamste Form der Todesstrafe. Da steht eine grölende Menschenmenge und wirft Steine, die nicht größer sein dürfen als eine Hand – damit es möglichst lange dauert. Durch eine Berichterstattung und die öffentliche Auseinandersetzung damit kann so etwas hoffentlich künftig verhindert werden.

War es dann auch Ihre Idee, persönlich in den Iran zu reisen?
Ich wollte mir ein umfassendes Bild vor Ort machen. Was ist ihr Sohn für ein Mensch? Was treibt ihren Anwalt an? Aber auch, in was für einer Umgebung leben diese Menschen, die von diesem Regime so gnadenlos unterdrückt werden, eigentlich? Das kann ich nicht nachvollziehen, wenn ich Tausende Kilometer entfernt an meinem Schreibtisch sitze.

War Ihnen bewusst, in welche Gefahr Sie sich begeben?
Mir war bewusst, dass ich mit dieser Reise ein gewisses Risiko auf mich nehme. Dass die Reise mich für fast fünf Monate in ein iranisches Gefängnis bringen würde, konnte ich mir nicht vorstellen.

Aber Sie sind mit einem Touristenvisum eingereist.
Der Grund dafür ist ganz einfach: Der Iran vergibt Journalistenvisa nur äußerst begrenzt. Damit versucht das Land, eine unabhängige Berichterstattung zu verhindern. Dazu zählt auch der Fall von Sakineh Ashtiani. Dennoch habe ich in meinem Visumsantrag nicht verschwiegen, dass ich Journalist bin und bei der BILD am Sonntag arbeite.

Freiheit Am 20. Februar 2011, einem Sonntagmorgen um kurz vor 5:00 Uhr, landeten der Reporter Marcus Hellwig (r.) und der Fotograf Jens Koch (l.) zusammen mit Außenminister Guido Westerwelle am Flughafen Tegel. Dort werden die beiden von Familie und Freunden unter Freudentränen empfangen
Foto: Andreas Thelen

Ihre damals achtjährige Tochter ist Ihnen bei der Ankunft noch auf dem Rollfeld in die Arme gefallen.
Und es ist das größte Geschenk, dieses Weihnachtsfest wieder mit ihr verbringen zu können.

Gibt es etwas, das sie neben Ihrer Familie im Gefängnis besonders vermisst haben?
Ja, Obst! Wir haben so gut wie nichts Frisches zu essen bekommen. Es klingt vielleicht erstaunlich, aber ich habe mir noch nie so viele Gedanken über Früchte gemacht, wie in dieser Zeit. Wenn es mal eine der sehr seltenen Orangen gab, habe ich erst ganz lange an ihr gerochen und es zelebriert, sie zu essen.

Arbeiten Sie inzwischen wieder als Reporter bei der „BILD am Sonntag“ ?
Ich war nach der Freilassung sechs Wochen krankgeschrieben, danach bin ich wieder ganz normal ins Büro gegangen.

Wie war der erste Tag in der Redaktion?
Es war ein sehr emotionaler Tag. Es hat sich angefühlt, wie nach Hause zu kommen. Es war wichtig, meine Kollegen wieder zu sehen. Und weiter machen zu können.

Würden Sie sich für eine Recherche selbst wieder in Gefahr begeben?
Wenn wir in unserem Beruf kein Risiko eingehen, werden wir unserer Verantwortung nicht gerecht.

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    Der Spiegel am 16. August 2010


    Angeklagt Die Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani wird 2006 wegen Ehebruchs mit 99 Peitschenhieben bestraft. Im gleichen Jahr wird die damals 42-jährige Mutter zweier Söhne wegen angeblicher Beihilfe zum Mord ihres Ehemannes zum Tod durch Steinigung verurteilt. Internationale Proteste erreichen, dass die Hinrichtung vorerst ausgesetzt wird
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    Süddeutsche Zeitung am 18. November 2010


    Täbris Der Reporter Marcus Hellwig und der Fotograf Jens Koch werden festgenommen, als sie den Sohn der verurteilten Ashtiani interviewen wollen. Sie waren mit einem Touristenvisum in den Iran eingereist
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    DIE WELT am 17. Dezember 2011


    Vorgeführt Die iranische Justiz wirft den beiden Reportern Spionage vor. Zudem werden die Deutschen im iranischen Fernsehen vorgeführt. Auf dem Video suggeriert ein Sprecher, die Journalisten hätten „Fehler“ zugegeben. Ihre Originalstimmen sind nicht zu hören
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    BILD am 27. Dezember 2010


    Abgesagt Die iranische Regierung erlaubt den Inhaftierten, dass sie einen Angehörigen an Weihnachten treffen können. Daraufhin fliegen die Schwester von Marcus Hellwig und die Mutter von Jens Koch am 23. Dezember nach Teheran. Das iranische Außenministerium sagt kurzfristig ab
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    Süddeutsche Zeitung 28. Dezember 2011


    Lichtblick Am 27. Dezember 2010 dürfen die Inhaftierten doch ihre Angehörigen treffen. Sie können zwölf Stunden zusammen in einem Hotelzimmer verbringen. Die iranischen Sicherheitsbeamten warten vor der Tür
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    BILD am Sonntag am 02. Januar 2011


    Solidarität Am 84. Tag der Inhaftierung fordern hundert Prominente, darunter Politiker, Künstler und Sportler, die sofortige Freilassung der beiden Reporter. In einer von der iranischen Justiz inszenierten Pressekonferenz gibt Ashtiani an, sie wolle die Reporter verklagen, da die beiden Schande über sie und ihr Land gebracht hätten
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    BILD am Sonntag am 20. Februar 2011


    132 Tage Nach mehr als vier Monaten Haft werden die Reporter am 19. Februar 2011 überraschend frei gelassen. Gegen eine Geldstrafe von je 36 500 Euro dürfen sie zusammen mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) die Heimreise antreten. Der Vizekanzler hatte sich am Abend mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad getroffen. Es war der erste Besuch eines deutschen Außenministers im Iran seit sieben Jahren
Felicitas Then

Von Felicitas Then

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