Unterlagen mit Fussball

Exklusiv:
Die unglaub-lichen Methoden der Fuß-ballvereine


Wenn Pressesprecher die Kontrolle übernehmen

Schränken Fußballvereine die Pressefreiheit ein? Autorisierungen von Interviews sind offenbar nur die geringste Form der Einflussnahme. Mit welchen Methoden Bundesliga-Pressesprecher heute arbeiten – 20zwoelf liegen Unterlagen vor, die nie an die Öffentlichkeit kommen sollten.
  • 1/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Titelseite der Präsentation
    Exklusiv 20zwoelf deckt auf, wie Pressesprecher arbeiten. Wir zeigen Ihnen Auszüge aus der Präsentation, die Christian Bönig (Pressesprecher FC St. Pauli) im August 2011 vor den Sprechern der anderen Vereine gehalten hat
  • 2/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Themenübersicht
    Themen Bereits in der Inhaltsübersicht wird deutlich: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
  • 3/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Wissen, was morgen in den Zeitungen steht
    Ambitioniert Pressesprecher wollen schon heute wissen, was morgen über ihren Verein in der Zeitung steht - um negativen Überraschungen vorzubeugen
  • 4/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Umgang mit Reportern
    Kumpanei Um ein gutes Verhältnis aufzubauen, sollen sich die Pressesprecher bemühen, regelmäßig mit Journalisten Fußball zu spielen, zu essen und zu feiern
  • 5/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Kontrolle bei Interviews, keine Telefon-Interviews zulassen
    Kontrolle Ein Zusammentreffen zwischen Spieler und Reporter? Nicht sonderlich wünschenswert. Jedes Gespräch soll überwacht werden.
  • 6/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Bewusste Themensetzung
    Einflussnahme Im Idealfall sollen sich die Pressesprecher selbst "Storys ausdenken" und Journalisten "die Arbeit abnehmen"
  • 7/7

    Wie Pressesprecher Journalisten foulen


    Exklusivitäten vermeiden
    Einheitsbrei Jeder Reporter kämpft Tag für Tag um Geschichten, die außer ihm niemand hat. Pressesprecher wollen das aber verhindern.

Zweimal im Jahr kommen die Pressesprecher der Fußball-Bundesligisten zusammen. Auf diesen Treffen geben sie sich zum Beispiel gegenseitig Tipps, wie man sich im Arbeitsalltag richtig verhält. In den vergangenen Meetings ging es um den Umgang mit den Medien sowie das korrekte Verhalten in Krisensituationen. 20zwoelf liegt exklusiv eine Präsentation vor, die Christian Bönig, Vereins-Sprecher des FC St. Pauli, im August 2011 vor seinen Kollegen gehalten hat. Dieses Dokument sollte eigentlich niemals an die Öffentlichkeit gelangen.

Die Ratschläge, die er darin gibt, geben deutliche Hinweise darauf, dass sich die Pressesprecher in die Berichterstattung einmischen wollen. Ein Eingriff in die Pressefreiheit? Wird die tägliche Arbeit von Sport-Reportern immer mehr kontrolliert und beeinflusst?

Geheimakte in Schublade mit Fussball
Vertraulich Die oben gezeigte Präsentation sollte eigentlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen
Foto: Anja Bleyl


Streben nach totaler Kontrolle?


Ein genauer Blick in die Präsentation gibt Antworten. In den 20zoelf vorliegenden Papieren (siehe Galerie oben) wird nicht nur vorgeschlagen, sämtliche Interviews autorisieren zu lassen - zudem solle der Pressesprecher eines Klubs bei jedem Gespräch zwischen Spieler und Journalisten anwesend sein, Telefoninterviews seien nicht empfehlenswert – mit Ausnahme von Telefonkonferenzen. Darüber hinaus wird empfohlen, Themen in den Medien selbst zu setzen „und damit den Medienvertretern die Arbeit abzunehmen“, wie es Bönig ausdrückt, der auf Anfrage von 20zwoelf das Papier zunächst nicht kommentieren wollte.

Walter M. Straten ist Sportchef von BILD. Er sagt: „Viele Pressesprecher versuchen, die Hoheit in der Medienlandschaft zu erlangen. Dieser Trend ist deutlich zu erkennen. Einige haben das Ziel, englische Verhältnisse zu schaffen." In der Premier League dürfen sich Journalisten in den meisten Fällen nicht einmal das Training der Klubs anschauen, zudem ist es deutlich problematischer, einen Spieler zum Interview zur Verfügung gestellt zu bekommen. Ist das etwa bald auch in der Bundesliga der Fall? Straten über das Verhalten einiger Pressesprecher: "Die kleffen einfach besonders laut, um ihrem Herrchen - also ihrem Verein - zu gefallen." Deshalb empfiehlt er seinen Reportern auch, "sich nicht einschüchtern zu lassen".

"Das hat der Verein nicht zu bestimmen"


Auch Philipp Selldorf, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, kritisiert viele Formulierungen der oben gezeigten Präsentation scharf: „Dass Pressesprecher bei jedem Gespräch zwischen Spieler und Journalisten dabei sein wollen, gefällt mir nicht. Der Spieler hat dadurch ja das Gefühl, dass jemand über ihn wacht. Und ob Telefoninterviews geführt werden oder nicht, hat ein Verein nicht zu bestimmen.“

Was Selldorf ebenfalls nicht verstehen kann: Pressesprecher verfolgen anscheinend das Ziel, Exklusivität zu vermeiden. Dies bedeutet, dass zum Beispiel eine Zeitung eine Neuigkeit verbreitet, die nur ihren Redakteuren bekannt ist. Klar, dass sich konkurrierende Journalisten dann über den Verein ärgern, der exklusive Informationen vermeintlich nur an einen Reporter weitergegeben hat. „Das ist sicherlich eine Form von Selbstschutz der Pressesprecher, aber für eigene Geschichten sind immer noch die Redaktionen selbst verantwortlich“, sagt Selldorf.

Wer hat Hunger auf Einheitsbrei?


Haruka Gruber, Chefreporter des Online-Sportportals spox.com, hat schon erlebt, dass Pressesprecher versuchen, Themen aktiv selbst zu setzen und somit den Journalisten vorzugeben, worüber sie berichten könnten. An sich unproblematisch, aber: „Es wird gern mal versucht, gerade die Spieler für Interviews zur Verfügung zu stellen, bei denen es gerade gut läuft. Ist jemand in einer sportlichen Krise, kommt man oft automatisch schwerer an ihn ran.“

SZ-Reporter Selldorf hofft, dass solch ein Verhalten keinen Erfolg hat: „Das ist anmaßend und wird nicht funktionieren. Ein naiver Ansatz.“
Cornelia Haß von der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), die der Gewerkschaft ver.di angehört und sich für bessere Arbeitsverhältnisse von Journalisten einsetzt, sieht das genauso: „Niemand will vorgefertigten Einheitsbrei lesen. Wer versucht, Exklusivitäten zu vermeiden, greift in das Selbstverständnis von Journalisten ein.“

Interviews bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben


Was Haß ebenfalls verurteilt, ist, wenn Interviews im Rahmen der Autorisierung durch Pressesprecher nicht nur bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben, sondern oft sogar sinnverfälscht werden: „Das hat dann nichts mehr mit Journalismus zu tun!“
SZ-Redakteur Sellmann weiß aber, was dagegen zu tun ist: „Da muss man als Reporter auf Konfrontation gehen und sich zur Wehr setzen. Wurde ein Interview über die Grenze des Erträglichen hinaus verändert, sollte man es erst gar nicht drucken.“

Auch Frank Mill, ehemaliger Bundesligaprofi und Nationalspieler, findet, dass viele Interviews mittlerweile ersetzbar sind: "Die Spieler erzählen ja fast alle das Gleiche. Das war während meiner aktiven Zeit in den 70er, 80er und 90er Jahren ganz anders. Aber zum Glück gibt es auch noch Profis, die nicht nur das wiedergeben, was man ihnen vorher diktiert. Leider werden das immer weniger."

Entscheidend ist auf dem Platz - wirklich?


Stefan Wegner, Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends, deren Job es ist, das Image von Unternehmen zu optimieren, verteidigt die Methoden der Pressesprecher und wirbt für Verständnis: „Es ist deren Aufgabe, die Spieler zu schützen. Manche junge Sportler werden von heute auf morgen zum Star, sind dadurch aber nicht automatisch auch Medienprofis.“ Auch dass dadurch der Handlungsspielraum von Reportern eingeschränkt werde, versteht Wegner: „Man muss sich die Frage stellen, was Teil des öffentlichen Interesses ist. Und letztendlich ist beim Fußball doch entscheidend, was auf dem Platz passiert.“

Das sieht Reporter Haruka Gruber anders: „Es ist doch klar, dass unsere Berichterstattung über die Spielberichte hinaus geht. Schließlich wollen die Vereine ja auch in der täglichen Berichterstattung vorkommen.“ Was ihm zudem bitter aufstößt, ist, „dass einige Vereine uns Journalisten in verschiedene Kategorien unterteilen. Oft bekommen große Zeitungen schneller die Spieler für ein Interview, die sie wollen. Da werden Allianzen geschmiedet – das hat nichts mit Pressefreiheit zu tun."
Timm Detering

Von Timm Detering

  • Seite drucken
  • Link versenden