Familie am Tisch, auf den Tellern sind radioaktiv verseuchte Speisen

Da hört der Spaß auf!
Darf Satire wirklich alles?


Spitze Witze gegen Bretter vor den Köpfen

Satire ist kritisch. Meistens. Sie deckt auf und prangert an. 1919 proklamierte Kurt Tucholsky: „Satire darf alles!“ Vielleicht wurde und wird sie deshalb oft verboten. Aber wird Satire nicht von der Pressefreiheit geschützt? Eine grenzwertige Frage.
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    Kind trinkt Jägermeister
    „Ich trinke Jägermeister, weil mein Dealer zur Zeit im Knast sitzt“ Im Januar 1981 veröffentlicht die Satirezeitschrift Pardon diese satirische Version einer Jägermeister-Werbung. Das Motiv soll auf suchtgefährdende Alkoholwerbung aufmerksam machen. Jägermeister-Produzent Wolfgang Mast sorgt für bundesweite Aufmerksamkeit der Aktion, indem er Pardon verklagt. In erster Instanz gewinnt Mast die Klage, die Abbildung wird zunächst verboten. Kurz vor dem Revisionsprozess zieht Mast die Anklage zurück und übernimmt daraufhin alle anfallenden Kosten.
    Foto: Ernst Volland
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    Jesus am Kreuz, vor ihm steht ein Priester in zweideutiger Pose. Zeile: Kirche heute
    Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten 198 Beschwerden gehen 2010 aufgrund dieses Titanic-Titels beim deutschen Presserat ein. Bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft liegen auch Anzeigen wegen „Volksverhetzung“ vor. Die Verfahren werden eingestellt, auch der Presserat verzichtet trotz Beschwerde-Rekords auf eine Rüge.“Die schwerwiegenden Missbrauchsfälle, unter anderem auch in der katholischen Kirche, müssen in einer Demokratie aufgearbeitet werden“, heißt es in der Entscheidung des Beschwerdeausschusses. “Dass eine aufrüttelnde Satire dabei Wertvorstellungen in übertriebener Weise kontrastiert, sei Wesen der Satire.
    Foto: Titanic
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    Titelseite der taz: Gekreuzigter Jesus. Überschrift: Kruzifix: Bayern ohne Balkensepp
    Jesus ein Balkensepp? Am 16. Mai 1995 erlässt das Bundesverfassungsgericht den Kruzifix-Beschluss. Bis dato hatte die Bayrische Volksschulordnung vorgeschrieben, dass in jedem Klassenzimmer einer Volksschule ein Kreuz hängen sollte. Der Kruzifix-Beschluss erklärt diesen Teil der Bayrischen Volksschulordnung für nichtig. Im Zuge der Urteilsverkündung titelt die taz: „Kruzifix! Bayern ohne Balkensepp“ Mit der Begründung, die Bezeichnung "Balkensepp" verletzte das religiöse Empfinden von Christen, wird die taz nur wenig später vom deutschen Presserat gerügt.
    Foto: taz
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    Mohammed Karikatur. Ein Zeichner sitzt am Schreibtisch und zeichnet
    Eine von zwölf Im September 2005 veröffentlicht die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ zwölf Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed. Im Anschluss kommt es zu Demonstrationen, Ausschreitungen und auch Morddrohungen. Am 1. Februar 2006 drucken deutsche Medien einige, im Falle der Zeitung DIE WELT alle zwölf Karikaturen nach und lösen erneut Proteste aus. Hendrik M. Broder, Satiriker und WELT-Autor zu Spiegel online: „Wären die Mohammed-Karikaturen flächendeckend nachgedruckt worden, hätten die Zeitungsleser sich selbst ein Bild machen können, wie exzessiv harmlos die zwölf Zeichnungen waren."
    Foto: Arne Sørensen
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    Bild von Helmut Kohl. Zeile: Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!
    Verstehen Sie Spaß? Altbundeskanzler Helmut Kohl war eines der beliebtesten Titelmotive der Satirezeitschrift Titanic. Beschwert hat er sich im Gegensatz zu anderen Politikern nie. So zeigen zwei zensierte Titanic-Titel jeweils einen SPD-Politiker. Im April 1993 wird Björn Engholms Kopf auf das Skandalfoto des toten, in der Badewanne liegenden Uwe Barschel montiert. 2006, als Problembär Bruno die bayerischen Wälder unsicher macht, titelt die Zeitschrift unter einem Porträt von Kurt Beck mit „Knallt die Bestie ab“.
    Foto: Titanic
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    Gerät für die automatische Ziehung der Lottozahlen
    Das liebe Geld Das ARD-Politmagazin Monitor sendet im Jahr 1994 einen satirischen Beitrag, in dem es angeblich die Fälschung der Lottozahlen-Ziehung aufdeckt. Das Magazin behauptet, Finanzminister Theo Waigel manipuliere die Ziehung, um seine Staatskasse zu sanieren. Dieser Witz kommt nicht bei allen Zuschauern an. Viele melden sich empört in Lottoannahmestellen und fordern ihr Geld zurück.
    Foto: Youtube, WDR
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    Eine Familie sitzt vor Tellern, in denen radioativ verseuchte Speisen liegen
    Kunst und Gesetz Der Künstler Ernst Volland erinnert sich: „1981 zeigte die ,Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, NGBK‘ meine Plakate in einer Ausstellung. Einige Tage nach der Eröffnung kam plötzlich die Berliner Polizei und riss das Motiv ,Da strahlt die Familie‘ und 23 weitere meiner Motive von den Wänden. Da sich das Abreißen als schwierig erwies, kehrte die Polizei wenig später noch einmal in einem Mannschaftswagen zurück und zerstörte die komplette Ausstellung durch Übermalung mit weißer Farbe. Meine Anwälte Otto Schily und Klaus Eschen reichten daraufhin eine Schadensersatzklage ein, die erstaunlicherweise im Sande verlief.“
    Foto: Ernst Volland
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    Ein Koch bietet eine Bockwurst mit vier Zipfeln zum Verkauf an
    Eine vierzipflige Wurst und das Zentralkomitee Preiseerhöhungen waren in der DDR nur bei gleichzeitig gesteigertem "Gebrauchswert" einer Ware erlaubt. Meist jedoch war dieser vorgebliche Mehrwert zweifelhaft. Darauf bezieht sich die vom Satiremagazin Eulenspiegel veröffentlichte Titelzeichnung von Manfred Bofinger: „Natürlich handelt es sich, unter uns gesagt, um eine simple Bockwurst, aber durch die zusätzlichen zwei Zipfel, erhält sie völlig neue Gebrauchseigenschaften.“ Die Ausgabe wird noch vor dem Verkauf wieder eingesammelt. Die Hefte der Abo-Kunden waren aber bereits verschickt.
    Foto: Eulenspiegel
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    Original Fax, von Martin Sonneborn an die FIFA Mitglieder
    Ein Fax für Deutschland Dieses Fax schickt der damalige Chefredakteur der Titanic, Martin Sonneborn, am Abend vor Vergabe der Fußball-WM 2006 an alle wahlberechtigten FIFA-Mitglieder. Im Fax heißt es: „In appreciation of your support we would like to offer you a small gift for your vote in favour of Germany: A fine basket with specialities from the black forest, including some really good sausages, ham and – hold on to your seat – a wonderful KuKuClock!“ Dieser „Bestechungsversuch“ verursacht weltweite Aufmerksamkeit. Der DFB droht dem Satiremagazin mit Klage, Sonneborn muss eine Unterlassungserklärung abgeben.
    Foto: Titanic
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    Flugblatt des Frankfurter Weiberrats, eine nackte Frau liegt mit einer Axt auf dem Sofa, über ihr hängen abgehackte Penisse.
    Befreit Diese Darstellung gehört zu einem Flugblatt des "Frankfurter Weiberrats" aus dem Jahr 1968. „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“, lautet die Forderung des Blatts, das auf der 24. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) in Hannover verteilt wurde. Nach der sexuellen Revolution werden 1968 auch Frauenrechte und Gleichstellung diskutiert.
    Foto: FrauenMediaTurm, Köln
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    Plakat mit der Aufschrift: Öffentlicher Dienst. Wir stellen ein: Radfahrer, Schleimer, Duckmäuser, Schnüffler, Kriecher. Die Kultusminister der Länder
    Satire und die deutsche Bürokratie In den 1970er Jahren wurde dieses Motiv des Künstlers Ernst Volland immer wieder von der Polizei beschlagnahmt. Im Jahr 1976 kommt es in Köln zu einem Prozess. Ernst Volland wird jedoch freigesprochen. Er weist nach, dass es Berufe wie Radfahrer, Schleimer oder Duckmäuser im Öffentlichen Dienst nicht gibt. Für das Kölner Gericht der Beweis, dass es sich bei dem Plakat eindeutig um Satire handelt.
    Foto: Ernst Volland

„Satire macht erst richtig Spaß, wenn sie auch Reaktionen hervorruft“, sagt Hans Zippert, Kolumnist und ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic. Doch es wird zunehmend schwieriger zu provozieren. Oft scheitert Satire am Problem der Rubrizierung, dem Kästchendenken in unseren Köpfen. „Erst wenn die Satire den Sprung aus ihrem Format schafft und sich Leser nicht zielgerichtet mit Satire auseinandersetzen, ist eine breite Wirkung möglich“, findet Medienwissenschaftler Till Erdenberger, der im Jahr 2010 seine Diplomarbeit zum Thema "Satire darf alles?" veröffentlicht hat. Diesen Sprung aus dem eigenen Format schaffe Satire selten, meint Pressejuristin Gabriele Rittig, die auch Rechtsbeistand der Zeitschrift Titanic ist.

Selten – aber gelegentlich und mit zum Teil beachtlicher Wirkung. Dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen in der dänische Zeitung "Jyllands-Posten" im September 2005, folgt eine Protestwelle muslimischer Gläubiger. Der Nachdruck der Karikaturen unter anderem in der WELT oder dem Online-Magazin Perlentaucher.de, entfacht auch in Deutschland eine Diskussion über Meinungs- Kunst- und Pressefreiheit. Noch immer werden die Karikaturen kontrovers diskutiert, auch heute gilt die Veröffentlichung der Zeichnungen als Wagnis.
Der Ärger christlicher Humorkritiker fällt in Deutschland deutlich geringer aus. Einen Rekord von gerade einmal 198 Beschwerden verzeichnete der deutsche Presserat 2010 nach Erscheinen eines blasphemischen Titanic-Covers. Eine Rüge sprach der Presserat damals nicht aus, denn: „Satire kann auch heute Bretter vor den Köpfen entfernen“, sagt Ella Wassink vom Deutschen Presserat. „Dabei können durchaus auch Gefühle verletzt werden. Aber gesellschaftliche Kritik an Sachverhalten muss erlaubt sein.“

Zwischen Gesetz und Moral


Juristisch sind die Grenzen von Satire weit gefasst. Die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst schützen auch satirische Darstellungen. Das war nicht immer so. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts mussten Satiriker mit Haftstrafen rechnen. Heute haben sich die Klagen vom Strafrecht ins Zivilrecht verlagert. Es geht nicht mehr um Gefängnis, sondern um Unterlassung oder Schmerzensgeld. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Prozess zugunsten des Satirikers entschieden wird, ist hoch, Verbote sind rar geworden.

Was genau macht Satire heute aus? „Satire muss versuchen, alles zu dürfen“, so das Fazit von Till Erdenberger. Und weil dem so ist, müssten Satiriker seiner Meinung nach auch über die moralischen Grenzen hinausgehen. Ella Wassink sieht das nicht so: „Ironisch sein, übertreiben und kritisieren, das darf Satire. Bei billigen Lachern auf Kosten anderer ist aber Schluss.“
Das Gesetz biete die Grundlage, bringt es Gabriele Rittig auf den Punkt: „Satire darf alles, was Recht ist. Und Privatpersonen bedürfen in diesem Zusammenhang besonderen Schutzes.“



20zwoelf beim Fachmann

Hans Zippert
Satiriker Hans Zippert packt aus Der Autor der WELT-Kolumne „Zippert zappt” verrät, woher er seine Inspiration nimmt und wo seine persönlichen Grenzen liegen. Warum es außerdem wichtig ist, dass in China weiterhin Vierbeiner verzehrt werden, erklärt Zippert im Videointerview.




Frei genug, um Grenzen zu verschieben


Die Einschätzung, was als Satire noch erlaubt oder schon als Grenzverletzung verboten ist, bleibt dennoch subjektiv. Wer einen Witz nicht versteht, dem kann man die Pointe auch nicht erklären. „Die Gesetzesvorlagen sind nicht schlecht. Aber Justiz wird nun mal von Menschen gemacht“, räumt Gabriele Rittig ein.
Kämpfen Satiriker für die Pressfreiheit? „Ja“, sagt Till Erdenberger, „denn pointierte Provokation testet Grenzen aus.” Was Anfang des 19. Jahrhunderts unmöglich schien, wird heute juristisch weitgehend toleriert. „Das”, so Erdenberger, „ist auch ein Verdienst der bissigsten unter den Satirikern.”

Lena Ackermann

Von Lena Ackermann

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