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"Die Bürger denken: Da will uns einer für blöd verkaufen"

Der Journalist Richard Gutjahr gehört zu den bekanntesten Bloggern in Deutschland. Bei Twitter hat er den Hashtag #Wulfffilme initiiert und damit eine Lawine der Kreativität ausgelöst. Gegenüber 20zwoelf erklärt Gutjahr, warum Christian Wulff im Internet so viel Spott erntet, wen Wulff im ARD-Interview zwischen den Zeilen gewarnt hat und was die Politiker aus den Fehlern des Bundespräsidenten für die Zukunft lernen können.
Richard Gutjahr
Richard Gutjahr wurde unter anderem als Blogger des Jahres 2010 ausgezeichnet
Foto: Mathias Vietmeier



Herr Gutjahr, wieso haben Sie den Hashtag #Wulfffilme bei Twitter gestartet?

Gutjahr: "Ich saß in einem Café in Israel und habe mich in den deutschen Medien über die Wulff-Geschichte informiert. Zur der Zeit lief über Twitter auch noch der Hashtag #lassambitiousbooks , wo mehr oder weniger aussagekräftige Buchtitel veralbert wurden. Ich habe mir gedacht, die Würde des Amtes des Bundespräsidenten gebietet es, dass man ihm eine eigene Aktion widmet. Dann habe ich 1-2 Tweets mit dem Hashtag #wulfffilme abgesetzt. Als ich eine Stunde später wieder bei Twitter reinschaute, hatte sich das schon verselbstständigt, die Vorschläge wurden immer kreativer."

Was ist dann passiert?

Gutjahr: "Es waren so viele gute Ideen dabei, dass ich am Ende des Tages noch ein Blogpost mit den besten Vorschlägen online gestellt habe. Ich war wirklich überrascht von der Kreativität und dem Schwarmblödsinn, der da entstanden ist. Das ganze war überhaupt nicht geplant. Ich habe mich natürlich gefreut, so etwas aus der Entfernung auszulösen."

Was geschieht derzeit mit Christian Wulff auf Twitter? Ist das eine bitterböse Verspottung oder glänzende Satire?

Gutjahr: "Ich glaube, es ist eine Art Notwehr der Bürger. Der Humor der Nutzer hat eine kathartische Funktion. Das kommt aus der Ohnmacht der Staatsbürger heraus, der sonst keine große Möglichkeit hat, sich zu verteidigen. Über das Web hat man nun eine Möglichkeit gefunden, seine eigene Ohnmacht in Worte und Bilder umzumünzen. Diese ganze Posse um den Kredit von dem Bundespräsidenten ist eigentlich so traurig, dass man diesem Irrsinn nur mit Humor begegnen kann."

Warum schlägt dem Bundespräsidenten gerade im Netz so viel Ablehnung entgegen?

Gutjahr: "Die Bürger haben das Gefühl, der Bundespräsident respektiert ihre Intelligenz nicht. Sie denken: Da will uns einer für blöd verkaufen. Die Politiker müssen immer wieder beweisen, wie toll sie sind. Sie haben nicht begriffen, dass man heute damit nicht mehr durch kommt. Das gilt übrigens auch für Journalisten, die heute viel mehr unter Beobachtung stehen. Auch sie werden gezwungen, die Politiker härter anzufassen. Früher wäre die Wulff-Affäre vielleicht in den Hauptstadtclubs weggenuschelt worden. Die alten Spielregeln zwischen den Mächtigen und Kontrolleuren funktionieren heute aber so nicht mehr, denn auch die Kontrolleure haben heute Kontrolleure."

Was bedeutet das im Hinblick auf Meinungs- und Pressefreiheit?

Gutjahr: "Das ist ein absolut gutes Zeichen. Der Bundespräsident spricht von Transparenz, spielt diese in Wirklichkeit aber nur vor. Damit kommt er im Netz nicht durch, denn die Nutzer durchschauen das, decken das auf und verurteilen es auch. Und sei es nur durch einen bösen Tweet."

Wie bewerten Sie Wulffs Umgang mit seinen Fehlern?

Gutjahr: "Sascha Lobo hat zuletzt geschrieben, dass man in dieser Zeit, in der man mit einfachen Mitteln eine Weltöffentlichkeit erreichen kann, lernen muss, besser mit Fehlern umzugehen. Es ist keine Schande, Fehler zu machen. Ich bin überzeugt, dass Guttenberg noch im Amt wäre, wenn er besser mit seinen Fehlern umgegangen wäre. Ähnlich verhält es sich jetzt auch mit Christian Wulff. Auch er hätte es viel leichter gehabt, wenn er gelernt hätte, mit seinen Fehlern umzugehen. Dazu zählt vor allem eine echte Entschuldigung. Wulff dagegen hat ganz unpersönlich über sich gesagt: 'Man hätte es anders machen müssen.'"

Wie hat sich das noch im ARD-Interview gezeigt?

Gutjahr: "Im ARD-Interview hat Christian Wulff zwischen den Zeilen ganz unverhohlen seine böse Seite gezeigt. Er hat den Spieß einfach umgedreht und Frau Schausten gefragt, wie sie es mit der Bezahlung für Übernachtungen bei Freunden hält. Und Frau Schausten ist in die Falle getappt. Man muss da zwischen den Zeilen lesen, da steckt ein großes Metathema dahinter. In Richtung Journalisten hat er damit gesagt: Freunde, ich weiß auch, was ihr alles unter den Teppich kehrt. Ich kenne euch auch, beginnt dieses Spiel bitte nicht mit mir."

Was können Politiker aus der Wulff-Affäre für die Zukunft lernen?

Gutjahr: "Viele Politiker sind darauf trainiert, keine Schwächen zu zeigen. Leider kommt Ihnen dann auch eine echte Entschuldigung nicht über die Lippen. Aus der Wulff-Affäre sollten Politiker lernen, besser mit den eigenen Unzulänglichkeiten umzugehen und ihr Publikum zu respektieren. Ich habe den Eindruck, weder Politiker, noch wir Journalisten haben den nötigen Respekt vor dem Publikum."

Wie gefällt Ihnen das Pressefreiheits-Portal 20zwoelf.de?

Gutjahr: "Ich war positiv überrascht über die Aufmachung, das Thema und die Umsetzung der einzelnen Beiträge. Da spürt man Liebe zum Detail und zum Beruf und die Lust an neuen Darstellungsformen. Man merkt: Da steckt kein Copy und Paste hinter, sondern Experimentierfreude. Wenn so etwas in Zukunft im Journalismus die Regel sein wird, dann freue ich mich auf die nächsten Jahre."
 Andreas Rickmann

Von Andreas Rickmann

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