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Macht das Internet dumm? Dorothee Bär antwortet Prof. Manfred Spitzer

Im Gastbeitrag für 20zwoelf.de schreibt Dorothee Bär, welche Chancen der digitale Wandel für Bildungspolitik, Meinungs- und Pressefreiheit mit sich bringt und warum sie die Aussagen von Prof. Manfred Spitzer zur digitalen Demenz als verletzend und zynisch empfindet.
Dorothee Bär
Dorothee Bär ist Vorsitzende des CSUnet, des CSU-Netzrates und stellvertretende CSU-Generalsekretärin
Foto: dorothee-baer.de


Plädoyer gegen eine zukunftsverneinende Angstmentalität



von Dorothee Bär, Mitglied des Deutschen Bundestages

Es ist wieder soweit: Der Geist des Fatalismus und des Zukunftspessimismus hat wieder Einzug gehalten in die Diskussion um unser Leben mit den „neuen“ Medien. Ich fühle mich ein bisschen an den Anfang dieses Jahres zurück versetzt, als wir in großer Aufgeregtheit und in einer kriegsmetapherngetränkten Sprache darüber gestritten haben, ob die digitale Revolution nun die Welt nachhaltig verändern, oder ob alles bald schon wieder seine alte analoge Ordnung finden würde. Das Internet als Modeerscheinung?

Und nun ist ein Buch erschienen, das den Titel „Digitale Demenz - Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“ trägt. Geschrieben wurde es von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, einem Hirnforscher und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Er vertritt die These, dass unsere Kinder durch Computer, Fernsehen und Internet verblöden würden, dass Medienkompetenz Unsinn sei und dass digitale Medien negative Einflüsse „auf geistig-seelische Prozesse im evolutions- und neurobiologischen Rahmen“ hätten.

Aggressive Vehemenz erschwert eine sachliche Diskussion


Spricht er über seine Erkenntnisse, wie vor kurzem in der Sendung „ZDFLogin“, bedient er sich einer Sprache, die ein bisschen sprachlos macht und vertritt seine Theorien mit einer aggressiven Vehemenz, die eine sachliche Diskussion erheblich erschwert. Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Der Wissenschaftler, der seinen Kulturpessimismus mit einem kompromisslosen Imperativ an sein Publikum verteilt, der seinen persönlichen Shitstorm gegen die vermeintlichen Erfinder des Shitstorms losbrausen lässt und der Gegenpositionen als dümmliches Geschwätz abtut. Der wenig Widerrede in einer immer stärker dialogorientierten Kommunikationsatmosphäre duldet: „Medienkompetenz ist Blödsinn“ war eine seiner Antworten auf eine Userfrage in besagter Sendung.

Eine der prominentesten Aussagen von Manfred Spitzer ist die, dass Computer in der Schule nichts verloren hätten, weil man die Kinder damit „anfixen“ würde. Er zieht damit bewusst und wiederholt die Parallele zu Alkohol und harten Drogen – spricht davon, dass man den Kindern schließlich auch nicht das Biertrinken in der Schule anerziehen würde, warum also solle man sie mit dem Einsatz von digitalen Medien in eine unvermeidliche Sucht und damit in persönliches Verderben treiben?

Unendlich undifferenziert, verletzend, geradezu zynisch


Das Gefährliche an Theorien wie dieser ist, dass sie nicht nur unendlich undifferenziert sind, sondern auch noch verletzend, geradezu zynisch wirken und vor allem Eltern und Menschen mit Erziehungsverantwortung ein Gefühl der Machtlosigkeit und der Inkompetenz vermitteln – also ganz bewusst mit der Angst der Menschen spielen und diese bis zum Äußersten schüren.

Abgesehen davon ist die Wortwahl wie der Vergleich an sich an Unsinnigkeit kaum zu übertreffen. Mein Biologielehrer hat uns in der 11. Klasse einmal erklärt: „Sie können sich mit allem vergiften. Wenn Sie es schaffen, ausreichende Mengen davon zu konsumieren, können sie sogar an einer Überdosis Vitamin C sterben.“

Prof. Manfred Spitzer
Hinforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer
Foto: DDP
Ob das nun stimmt oder nicht, es zeigt jedenfalls, das alles zur Gefahr werden kann, wenn man es nur falsch genug verwendet, und dass exzessives unkontrolliertes Medienverhalten in der Tat für Körper und Geist eine ernsthafte Gefahr darstellen können. Und niemand streitet ab, dass wir Möglichkeiten finden müssen, betroffenen Menschen zum Einen zu helfen, und es zum Anderen gar nicht erst soweit kommen zu lassen, dass jemand der Sucht anheimfällt. Nur ist diese Lösung sicher nicht: Alle Computer wegsperren – für immer.

Facebook ist nicht schuld an der Abstinenz von echten Freunden


Das Problem ist vielmehr im sozialen Umfeld zu suchen. Nicht Facebook ist schuld an der Abstinenz von echten Freunden, nicht „Crysis2“ schürt Aggressionen gegen Mitmenschen und treibt einen in die soziale Isolation, sondern eine sehr ernstzunehmende Störung in der Persönlichkeit des Betroffenen, die wenig mit dem Internet als solchem zu tun, sondern wesentlich komplexere Ursachen hat. Jugendliche mit derartigen Problemen als „Nerds“ und dem Computer zum Opfer gefallene Gamer herunterzureden, halte ich für mehr als problematisch und dem eigentlichen Problem völlig unangemessen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Medienkompetenz ein zentraler Faktor in einem Land sein muss, dessen wichtigste Ressourcen Wissen und Bildung sind. Kindern und jungen Menschen die Möglichkeiten einer digitalen Welt und ihrer Werkzeuge nicht nur vorzuenthalten, sondern in einer kategorischen Warnung vor Gefahr und Verderben jegliche Berechtigung abzusprechen, ist nicht nur unverantwortlich, sondern würde unserem Land auch massiven wirtschaftlichen Schaden zufügen.

Im Berufsleben ebenso wie in der akademischen Ausbildung sind digitale Medien fester Bestandteil und die Kompetenz im Umgang damit selbstverständlich. Verweigern wir unseren Schülerinnen und Schülern die frühestmögliche Heranführung an diese Gegebenheiten, handeln wir unverantwortlich und realitätsverweigernd. Dies kann nicht der Auftrag von Bildungspolitik sein.

Tablets eignen sich auch für Therapieansätze


Ich frage mich, was Spitzer über den Einsatz von Hochtechnologie im Bereich der Medizin denkt. Wirft er seinen Kolleginnen und Kollegen ebenso digitale Demenz vor, weil sie nicht mehr den Aderlass praktizieren, sondern modernste Technik einsetzen? So stellte beispielsweise die Bayerische Akademie der Wissenschaften bereits 2007 die Möglichkeiten der sog. „Neuromodulation“ vor, die „computergesteuerte elektrische Reizung“ einsetzt, um gelähmte Patienten gezielte Bewegungen durchführen zu lassen.

Amerikanische Ärzte haben nach der Einführung des iPads im Jahre 2010 festgestellt, dass sich das Tablet sehr gut für verschiedene Therapieansätze im Bereich neuronaler und psychologischer Störungen bei Kindern einsetzen lässt. So gibt es beispielsweise Apps, die es autistischen Kindern erlauben, über Bildschirmübungen ihre Gefühle auszudrücken und Kommunikation zu erlernen.

Ich frage mich, wie Herr Spitzer den Eltern dieser Kinder klarmachen möchte, dass die digitalen Medien schlecht für sie seien und sie sich besser in ihre Bücher vertiefen sollten.

Geeignet für eine Dorfgemeinschaft von Lemmingen


Zur Person

Dorothee Bär (34) ist seit 2002 Abgeordnete des Deutschen Bundestags und seit 2009 stellvertretende Generalsekretärin der CSU. Die Diplom-Politologin ist verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn. Dorothee Bär twittert unter @dorobaer.
Es ist wohl alles eine Frage der Perspektive und eine Frage der inneren Einstellung zur Zukunft und wie wir sie gestalten möchten. Kultur- und Gesellschaftspessimismus gepaart mit Innovationsverweigerung als Antworten auf komplizierte Fragen einer modernen und sich immer schneller verändernden Welt eignen sich vielleicht für eine Dorfgemeinschaft von Lemmingen, die blind und stur einen festgesteckten Weg gehen, bis einer nach dem anderen den Abgrund hinabstürzt. Für die Menschen, die ich als Politikerin vertrete und für mein persönliches Umfeld halte ich sie für falsch.

Ich persönlich pflege einen grundsätzlich optimistischen Ansatz, der zunächst die vielen kleinen und großen Chancen und Möglichkeiten in einer modernen Gesellschaft betont. Weil ich sehe, wie die Welt zusammenwächst, weil die Kommunikationswege einfacher und damit kürzer werden. Weil traurige Menschen im Austausch mit anderen Menschen eine Schicksalsgemeinschaft bilden können, die sie sonst niemals kennen gelernt hätten und darin Kraft finden. Weil glückliche Menschen andere an ihrem Glück teilhaben lassen können. Weil unfreie Menschen für ihre Freiheit kämpfen können und Mut und Zuspruch, im besten Falle sogar tatkräftige Unterstützung aus Teilen der Welt bekommen, in denen Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit selbstverständlich sind.

Eigene Worte vergilben nicht zwischen Notizbuchdeckeln


Weil ich der Meinung bin, dass digitale Medien nicht nur Gehirnzellen sterben lassen, sondern die Kreativität in höchstem Maße fördern können. Weil sie beispielsweise Menschen dazu animieren, ihre ganz eigenen Gedanken über sich und das Leben zu formulieren und andere daran teilhaben zu lassen, und weil sie damit rechnen können, dass die Empfänger die Gedanken weiterspinnen und wiederum verbreiten – dass die eigenen Worte und Werke also nicht zwischen zwei Notizbuchdeckeln vergilben, sondern etwas Hochspannendes mit ihnen passiert und andere Menschen sich mit ihnen beschäftigen.

Auch wir, die Netzaffinen, wie manche uns gerne nennen, dürfen uns der Realität nicht verschließen. Auch wir dürfen uns nicht unter einer Käseglocke einsperren und alle für dumm erklären, die Ängste und Vorbehalte gegen das hegen, das für uns so selbstverständlich scheint. Und nachdem ich auch hier meinen Grundoptimismus beibehalten möchte, setze ich mich dafür ein, Brücken zu bauen statt die Gräben zu vertiefen. Arroganz und Elitenhabitus helfen uns nicht weiter, weder auf der einen noch auf der anderen Seite des digitalen Grabens.

Ich plädiere für einen echten Dialog, ohne Vorbehalte und möglichst shitstormfrei.
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